Was kostet ein E-Auto pro Kilometer?

Auf Facebook gab es in letzter Zeit verstärkt Diskussionen zu den "Spritkosten" bei E-Autos. Gestern bot das GoingElectric Weihnachtstreffen eine schöne Gelegenheit, einmal die Kosten auf einer Langstrecke genau zu dokumentieren.

Ready for takeoff

Gestartet sind wir (fast) randvoll mit 121 km Rest-Reichweite (nach Schätzung des Autos) und einem angezeigten Durschnittsverbrauch von 18,8kWh/100km. Für den Hinweis hatte ich eine sehr konservative (oder: übervorsichtige) Route geplant, weil ich den e-NV noch nie im Winter auf 650m Höhe gebracht hatte. Lieber etwas mehr Strom im Akku als notwendig...

Es ging über Lehrte auf die A2 (das war auch schon zu Verbrenner-Zeiten unsere bevorzugte Route Richutung Osten). Die Triple-Lader in Lehrte-Süd und Zweidorfer Holz haben wir ausgelassen und standen nach 67km mit 43km Reichtweite an der Uni Braunschweig. Das entspricht einem Verbrauch von ca. 1,2 Batterie-km pro Strecken-km, was nicht ungewöhnlich ist, wenn der Großteil der Strecke über die Autobahn führt. Dort ist der Verbauch immer höher als in unserem normalen Orts- und Landstraßenverkehr. Die Durchschnittsanzeige war allerdings "nur" auf 18,9kWh geklettert.

BS Energy

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Laden in Braunschweig kostet 15 Euro. So viel berechnet BS Energy einmalig für die Ladekarte, der einzelne Ladevorgang wird dann nicht mehr abgerechnet. Das ist seit Jahren so und wird derzeit jedes Jahr verlängert. Die Angabe eines kWh-Preises wird dadurch natürlich auch extrem schwierig, weil dieser sehr stark von der persönlichen Nutzung der Ladepunkte abhängt. Ein Ladepunkt direkt an der Autobahn ist generell kostenlos, dort hätten wir auch laden können, allerdings lag der Uni-Lader ohnehin an der Fahrtstrecke.

Nach 26 Minuten hatten wir genau 11 kWh mehr im Akku und der e-NV zeigte eine Reichweite von 100km an. So ging es weiter Richtung Harz.

Goslar

Der erste richtige Defensiv-Laden-Stopp. Das Frauenhofer Institut in Goslar betreibt einen auf 20kW leistungsreduzierten, aber dafür kostenlosen Schnelllader. Es ist der einzige in der Nähe, aber der Respekt vor dem Berg hat uns hier einen Sicherheitsstopp einlegen lassen. Bereis hier schlugen der Höhenunterschied und noch größere Autobahnanteil zu, denn nur 48km nach Braunschweig hatten wir 75 Reichweitenkilometer verbraucht. Das entspricht 1,6 Batteriekilometer pro tatsächlichem Kilometer, die sich auch in einem Durchschnittsverbrauch von 19,2kWh/100km niederschlugen.

Nach knapp 23 Minuten hatte das Auto 6,78 kWh genuckelt. Die Zeit reichte wunderbar, um sich mit den Kindern die Beine zu vertreten und einmal um das Institut zu laufen. Speziell für Robyn eine hochinteressante Erfahrung, weil es hier am Berghang überall große Steigungen gab. So etwas ist er bei uns zu Hause gar nicht gewohnt. Weiter ging es mit 65km Reichweite auf die vor uns liegenden 400 Höhenmeter.

Reiseflughöhe

Nach einer interessanten Kletterpartie kamen wir in den Wolken an. Der Durchschnittsverbrauch war auf 19,8kWh/100km geklettert und die Reichweite auf 12km gesunken. Auf den zurückliegenden 27km hatten wir satte 53 Batteriekilometer verbraucht.

Das Laden war hier hauptsächlich Koordinationssache: Der Veranstalter hatte auch eine Lademöglichkeit (3x einphasig) organisiert, an der sich die etwa 30 E-Autos nach Bedarf abgewechselt haben. Die Teslas haben eher müde gelächelt und den anderen den Vortritt gelassen. Nach knapp 6 Stunden waren wir auf dem Rückweg, mit 80km Reichweite im Akku. Natürlich hat der e-NV nicht die ganze Zeit geladen und im Gegensatz zur Tankstelle standen wir bestimmt nicht die ganze Zeit daneben und haben ihm zugeschaut.

Öfters lese ich auf Facebook, dass kostenlose Lademöglichkeiten doch eingentlich gar nicht mit einberechnet werden dürfen, weil sie nur eine Übergangserscheinung sind. Bei Veranstaltungen wie dieser möchte ich dem widersprechen: Das Restaurant hat den Strom kostenlos bereit gestellt. Verfügbar waren 3x ca. 20A über ca. 8 Stunden. Kein Auto (und kein Handy-Ladegerät) läd permanent mit voller Leistung, die Ladeleistung sinkt mit steigendem Batterie-Füllstand, also wurde dieser Wert in der Praxis eher nicht erreicht. Der rechnerische Maximalwert wären 110kWh gewesen, bei einem schlechten Privatkundentarif entspricht das etwa 33 Euro, für einen Mittelgroßen Gewerbekunden eher 22 Euro.

Dem standen Restaurant-Umsätze von ca. 50 Personen gegenüber. Nachmittags Kaffee und Kuchen, Abends Abendessen und zwischendurch immer wieder Getränke, dazu Parkgebühren. Pessimistisch würde ich ca. 25 Euro Umsatz pro Person schätzen. (Höhchstens) 22 Euro Ladestrom haben zu mindestens 1250 Euro Umsatz geführt, das entspricht etwa 1,8% "Marketingkosten" - eine Traumquote. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass auch in Zukunft kostenloser Ladestrom nicht aussterben wird, wenn damit entsprechende Umsätze generiert werden können.

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Rückfahrt

Der größte Unterschied zwischen Flüssigtreibstoff und Strom zeigte sich auf der Rückfahrt: Mit 80km Reichweite ging es auf dem Berg los, etwa auf Höhe Goslar hatten wir 111km in der Batterie. E-Autos rekuperieren, sie nutzen ihren Motor als Generator und laden beim Bremsen die Batterie, anstatt gleich die Bremsscheiben abzuschleifen. So haben wir den möglichen Ladestopp in Goslar ausgelassen und sind auch an den Schnellladern in Braunschweig vorbei gefahren. Auf dem Rasthof Zweidorfer Holz (Nord) kamen wir nach 77km Strecke schließlich mit 28km Reichweite an - ein Verbrauch von 0,7 Batteriekilometer pro Streckenkilometer.

Nach 23 Minuten willkommener Pause waren 11,48 kWh in den Akku geflossen und wir hatten mit 102km Reichweite bei einem neuen Durchschnittsverbrauch von 18,9kWh/100km mehr als genug für den Weg nach Hause. Dort, nach weitere 45km, verblieben noch 52km Reichweite bei angezeigten 18,7kWh/100km.

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TL;DR

Fahrtstrecken:

AbschnittStreckeVerbrauch
Burgwedel - Braunschweig 67 78
Braunschweig - Goslar 48 75
Goslar - Torfhaus 27 53
Torfhaus - Zweidorfer Holz 77 52
Zweidorfer Holz - Burgwedel 45 50

Ladestopps:

Ortkm geladenZeitKosten
Burgwedel 121 - € 3,60
Braunschweig 57 26 min. € 0,00
Goslar 40 23 min. € 0,00
Torfhaus 68 - € 0,00
Zweidorfer Holz 74 23 min. € 0,00

Insgesamt sind wir 264km für € 3,60 gefahren. Das entspricht ca. € 1,36 pro 100km. Die kostenlosen Lader lassen sich nicht einfach rausrechnen. Hätten wir überall so viel bezahlt wie zu Hause, wären insgesamt € 10,71 zusammen gekommen, das entspricht € 4,06 pro 100km.