Elektroauto Überführung

Stromer und Benziner: Neuanfang und Abschied.

Unser e-NV 200 ist ein typischer junger Gebrauchter. Ein Jahr alt, 2.700 km - dafür deutlich günstiger als ein Neuer. So konnten wir uns allerdings den Händler nicht in der Nähe aussuchen und mussten das Töff 220km von seinem neuen Zuhause entfernt abholen.

Ohne eigene praktische Erfahrungen zum Verbrauch war die Tour eher pessimistisch geplant:

  • 73km zu einem Nissan-Händler mit CHAdeMO Schnellladesäule
  • 40km zur nächsten Tank & Rast Autobahn-Raststätte
  • 69km zum Zwischenstopp bei den Schwiegereltern - ein paar Straßen weiter gibt es tatsächlich eine öffentliche Ladesäule
  • 25km bis zum nächsten Schnelllader - sogar zwei Stück in weniger als einem Kilometer Entfernung
  • 35km bis zur heimischen Steckdose

Erfahrungswerte von anderen e-NV Fahreren sprechen von mindestens 90km Reichweite im Winter, damit sollten wir gut durchkommen. Als Backup dienten zwei weitere Schnelllader zwischen den ersten beiden und den beiden folgenden Stops.

E-Auto GAU

IMG_20170210_173903_960x1280.jpgAuf der ersten Etappe überwog der Spaß - was sich deutlich in der Restreichweite zeigte. Um so näher wir dem Ziel kamen, um so defensiver wurde die Fahrweise und schließlich rollten wir mit geschätzten fünf Kilometern Restreichweite auf die Säule zu. Geschätzt, weil der e-NV bei unter 10km nur noch drei Striche anzeigt.

Die Säule begrüßte uns mit einem "Herzlich Willkommen" und im zweiten Anlauf verrigelte der schwere Gleichstromstecker auch in der Fahrzeugnase. Einmal auf "Start" drücken und schon finden Auto und Säule an, sich miteinander zu unterhalten. Es dauerte nur wenige Sekunden - bis zur Fehlermeldung.

Der zweite und dritte Versuch sahen auch nicht viel besser aus. Im Autohaus trafen wir auf verwunderte Gesicherter: Die Säule ist seit der Anlieferung defekt und dürfte gar nicht als verfügbar gelistet sein. Wie konnten wir hier stranden? Und noch viel wichtiger: Wie kommen wir mit leerem Akku wieder hier weg?

Die beiden Mitarbeiter vom Autohaus Simon hatten trotz ihres nahenden Feierabends Mitleid mit uns und spendeten Schuko-Strom. An einer Haushalts- (oder in diesem Fall Werkstatt-)Steckdose läd der e-NV auch, aber viel Strom kommt dort nicht raus. Also saßen wir im kalten Auto (Heizung kostet schließlich Strom), sahen der tröpfchenweise steigenden Reichweite zu und beratschlagten das weitere Vorgehen.

Fünf Kilometer waren es in die Innenstadt zu einer belegten Säule, die wenigstens etwas schneller hätte laden können oder zu einer, bei der nicht klar war, ob sie überhaupt noch existiert - und einen passende Stecker hatte. Der passende Adapter, mit dem wir an nahezu jeder Drehstromsäule laden können, steht zwar auf dem Einkaufszettel, war aber noch nicht da.

Zitterpartie

2017-02-10_Solar.jpg26 Kilometer weiter gibt es eine weitere Schnellladesäule auf einem Firmengelände - mit Pförtner. Ein Anruf brachte Klarheit: Der Pförtner ist 24 Stunden am Tag da und die Säule ist intakt.

Nach einer Stunde stand die Reichweite knapp über 30 Kilometer. Immer noch ohne Heizung und mit nicht mehr als 80 km/h schlichen wir Richtung Norden, bis schließlich hinter einer Kurve DMG Mori in großer Leuchtschrift vor uns stand. Der Pförtner ließ uns ein und zwischen zwei haushohen, drehbaren Solarpanelen begrüßte uns die zweite Ladesäule des Abends.

Sie war freigiebiger als die erste und fast im Sekundentakt kletterte die Prozentanzeige für den Akkufüllstand. Nach wenigen Minuten hatten wir schon mehr Strom unter unseren Füßen als vorher in einer ganzen Stunde.

Pause

IMG_20170210_204817_960x720.jpgMit genug Kilometern um notfalls eine weitere defekte Säule überspringen zu können, ging es weiter. Nach 20km - dieses Mal mit Heizung - wartete der nächste Ladestop. Für uns war er wichtiger als für das Auto: Pause, Abendessen (zu Tank&Rast Apothekenpreisen) und rumtoben für die Kinder. Noch bevor das Essen fertig war, hatte sich der e-NV nahezu voll gefuttert. Kurz vor der Weiterfahrt gab es noch ein bisschen E-Auto-Luxus: Per App die Heizung einschalten und das Auto mit (noch) kostenlosem Tank&Rast Strom mollig warm werden lassen.

Den Schwiegereltern-Stop haben wir aus Zeitgründen ausgelassen. Die dortige Säule liefert "nur" 11kW, von denen unser einphasiger Lader gerade mal 1/3 tatsächlich abrufen kann. Etwa 12km Ladeleistung pro Stunde sind für einen geplanten längeren Zwischenstopp ausreichend, aber nicht im "einfach nur nach Hause" Modus.

SLAM-Abzocke

Statt dessen gab es am Autohof Lauenau eine Runde Eis und in der Zwischenzeit noch etwas leckeren Strom aus einer SLAM-Säule. Das Projekt des Bundeswirtschaftsministeriums ist ein schönes Beispiel, wie Elektromobilität nicht funktioniert: Die Säulen sind nur von einem Bruchteil der Autos überhaupt nutzbar und der Strom kostet weit mehr als die gleiche Reichweite mit Super Plus, aber dazu mehr in einem eigenen Post.

€ 7,24 für 18 Minuten Ladezeit stehen auf der Rechnung, die sofort per Email kam. Sofort, nachdem die Hotline die Säule aus der Ferne neu gestartet hatte. Vor Ort wollte sie sich nicht abschalten lassen.

Den letzten geplanten Stopp haben wir ausgelassen, weil der Akku-Füllstand mittlerweile bis zu Hause reichte. Dort angekommen fielen alle ins Bett - nachdem der letzte Ladevorgang des Tages gestartet war. An einer normalen Steckdose braucht die Ladung zwar endlose Stunden, aber am nächsten Morgen war der Akku wieder voll.

Die Auflösung

Stoerung_AH_Simon.pngWie konnten wir trotz Ladeverzeichnissen, diversen Apps und einem Navi, dass selbst Ladesäulen kennt gleich am Anfang stranden? Der Grund war ganz einfach "menschliches Versagen": Die fragliche Ladesäule wird vom Fahrzeug-Navi nicht geführt und ist auch im größten deutschen Stromtankstellenverzeichnis mit "Störungsmeldung" geführt. Ich hatte noch am Vorabend alle geplanten Stops auf Störungen kontrolliert und ausgerechnet diese anscheinend übersehen. Hätte ich sie gesehen, wären wir direkt auf die A2 gefahren ohne ein paar Kilometer über Paderborn sparen zu wollen. Dort wären genug Schnelllader in kurzen Abständen gewesen, um auch eine defekte Säule zu kompensieren.

Eigentlich wären wir auch locker bis zur nächsten Backup-Station bei DMG Mori gekommen, aber E-Auto-Fahren will gelernt sein und so hatten wir auf dem ersten Abschnitt viel mehr Strom als geplant verbaucht: 30kWh/100km anstatt 20kWh/100km. So reichte auch der randvolle Akku nicht.

Mittlerweile nutze ich im Routenplaner auch die Option "Einträge mit Störungsmeldung ausschließen".